Nach vorsichtigen Schätzungen der Bundesregierung leiden ca. 4 Mio. Deutsche an Depressionen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt dass ca. 1 Mio. Menschen pro Jahr das Leben nehmen, schätzungsweise 10-20 Mio. Menschen versuchen jährlich, sich umzubringen.
Seit dem 1910 von S. Freud die erste medizinische Tagung zum Thema Suizid einberufen wurde, werden Selbstmordgedanken als ein Ergebnis von depressiven neurologischen Strukturen des verletzten, traumatisierten Selbst in der psychoanalytischen Forschung angesehen. Heute mehr als früher werden Depression und Suizid als Signale an das soziale Umfeld gedeutet. Der Zusammenhang zwischen Depressionen und suizidalen Gefühlen ist unbestritten. Mit der Zunahme von depressiven Ängsten in einer von globalem Stress belasteten Web-dominierten Gesellschaft mit ihren neurologischen, psychischen somatischen und medizinischen Zivilisations-Haupt-Symptomen (Verspannung, Adipositas, Diabetes, Infarkt und Krebs)
Psychoanalytisch gesprochen ist Depression und Rückzug in suizidale Impulse eine Reaktion auf Objektverlust. Objektverlust umfasst auch Enttäuschungen und Beziehungsstörungen. Im Zusammenwirken von Bedeutung des Verlustes und der Disposition zur Depressiven Verhalten werden Wut und Hassgefühle aktiviert (Einverleibung des Objekts), die normalerweise sofort abgewehrt werden. Das Zurückweichen der Aggression (Regression) auf orale kleinkindliche Triebverhalten rettet zwar das Objekt, wütet dann aber im Selbst und richtet sich gegen die eigenen Person.
Depression ist das schließlich adäquate Verhalten des Selbst im Fall eines Verlustes und des damit verbundenen Bezugs auf das selbst. Narzisstische Aktivität werden vom Selbst im Denken Fühlen und Verhalten unternommen, um in der Person ein lebbares Gleichgewicht von Stress und Flow, Glück und Unglück, Fantasie und Realität, Beziehung und Einsamkeit, von Verlust und Gewinn herzustellen. Wird dieses Gleichgewicht nachhaltig gestört, werden Ängste, Gefühle von Ohnmacht und Wertlosigkeit sich der Person bemächtigen und dem Ich signalisieren, sich zu wehren.
Neben äußeren Wirkungen wie Schönheit, Sinn oder Erfolg ist das wichtigste Reservoir an Kräften gegen Depression und Suizid das tiefe innere Gefühl von Sicherheit, Wohlbehagen und Können, über das unser Selbst in seinem „Inneren Kind“ als konstituierenden Teil der Person durch einen unbewusst – aber real- erlebten harmonischen Urzustand verfügt. Dieses Reservoir kann durch Traumata und Belastungen verschüttet, zerstört oder scheinbar unauffindbar sein. Es gehört zur menschlichen Natur, dass dieser teil unserer Person vorhanden ist und aktiviert werden kann. „Keine Person ist nur schlecht“ , Er/Sie hat einen guten Kern, „Es ist nie zu spät, unsere Kindheit zu entdecken“ o.ä. sind die Äußerungen des Volksmunds, die das Suchen des Menschen nach Glück, Schönheit, Weisheit und anderen Tugenden bekunden.
Freud sagt: „Die Entwicklung des Ich besteht in einer Entfernung vom primären Narzissmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wiederzugewinnen (Freud 1914, Ges. W. , Bd. 10, S 167).
Dieser Primär-Zustand der Person ist seitdem Forschungsgegenstand der Psychologie vom Selbst wird oft erstaunlicherweise genau beschrieben:
- aus dem Verhalten des Säuglings,
- aus dem Erbe der Menschheit: der Sehnsucht nach dem Paradies oder ähnlichen mythologischen Beschreibungen eines ewigen Glücks-Zustandes,
- aus holotropischen Erlebnissen in bewußtseinserweiterten Zuständen
- in spirituellen Erfahrungen mit der eigenen Wiedergeburt
- aus Nah-Tod – Erfahrungen
- aus dem eigenen Möglichkeiten, regressive Verhaltensweise z. B. in der Trauer oder der Liebe zu erleben oder zu entwickeln.
und enthält neben vielen Kultur überschreitenden und archetypischen Vorstellungen des möglicherweise in den Genen verankertes geistigen Erbes der Menschheitsgeschichte viele höchst individuelle Inhalte der Erfahrungen der Selbstwerdung der Person.
Diese Selbstwerdung ist ab der Zeugung dauernden Prüfungen durch die typisch menschliche Entwicklung ausgesetzt und entwickelt sich gerade durch oder unter dem Schutz vor Stress in äußert individueller Weise bewusst oder unbewusst erlebt. Auch in äußerst günstigen Umständen für die Entwicklung eines gesunden, gleichgewichtigen narzisstischen System und einer Reifen Persönlichkeit kann durch wiederum äußerst individuelle Erlebnisse, Verletzungen und Traumata angegriffen, aus dem Gleichgewicht gebracht oder zerstört werden. Die Entwicklung, Pflege und Bewahrung eines stabilen und resilienten „Inneren Kindes“, eines gesunden „narzisstischen Persönlichkeitskerns“ ist eine lebenslange Aufgabe geworden. Immer schon haben die immerwährenden Veränderungsprozesse des Lebens, unseres – wie wir gerade erleben- zerstörbaren wunderschönen blauen Planeten und – wie wir ebenfalls erleben – unserer sehr fragilen persönlichen Umwelt durch Krisen erschüttert. Es gehört zu den Möglichkeiten des „narzisstischen Persönlichkeitskerns, unsere Welt als kontrollierbar, als unveränderlich und möglicherweise als ewig schön zu erleben. Erfahrbar für fast jeden Mensch ist dieser Zustand in dem Moment des Entstehens von Liebe in Verbindung mit Begeisterung: in diesem Moment glauben wir an die Ewigkeit der Liebe, an unsterbliche Schönheit und unzerstörbares Glück.
Doch selbst dieser Moment ist vergänglich. „Der Mensch leidet, weil er etwas begehrt, das er nicht haben kann, weil etwas nicht so ist, wie er es sich wünscht. (v. Brück, Buddhismus und Christentum, Verlag C.H. Beck 1997, S. 365)
Denn unsere Existenz ist durch unsere genetische Programmierung mit unseren Ahnen verbunden. Der Mensch durchläuft als Embryo die Entwicklung von der Amöbe, über das Krokodil und unsere Verwandten den Schimpansen der Geschichte des Lebens und bis zum meist schmerzvollen Durchgang durch den Geburtskanal ein wechselvolles und sicher auch von Urängsten geprägtes Dasein, das dann über die Kindheit, Jugend und das Alter mit den Erfahrungen von Auslieferung und Verlust zu kämpfen hat. Und so entsteht als Gegenüber des narzisstischen Selbst der graue Bereich der Schatten unserer Person, mit denen wir zu leben lernen müssen.