
"Religion sollte für das ganze Leben sein...!"
Wilhelm Kautter, Evangelischer Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde im südlichen Neckar-Vorort, Stuttgart-Hedelfingen, Jahrgang 1956, geboren in Bad Urach. Nach dem Abitur Zivildienst in einem Altenheim. Studium in Tübingen und München. Besondere Interessen: Altes und neues Testament, Kirchengeschichte. Vikariat in Kornwestheim. 1. Pfarrstelle in Heilbronn-Neckargartach.
Kautter
Der Zivildienst hat mich zum Theologiestudium gebracht. Ich bin von Natur eher ein naturwissenschaftlicher Typ und meine Wahl war die Mathematik. Ich habe schon immer viel gelesen und war oft im Theater. Wäre ich Mathematiklehrer geworden, wäre ich vielleicht meiner Tendenz zur Zurückgezogenheit doch eher gefolgt. Im Zivildienst habe ich gespürt, dass ich mit Menschen ganz verschiedener Altersgruppen gut zurechtkomme. Ich habe mich dann für das Theologiestudium entschieden. Die Wahl war gut, denn die Theologie ist eine sehr breite Wissenschaft. Das Studium war sehr interessant. Und man geht einem Beruf entgegen, der sehr vielseitig ist.
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Sie wollten also Mathe-Lehrer werden…..
Kautter
Ich wäre Lehrer für irgendwas Naturwissenschaftliches geworden. Naturwissenschaft ist etwas, wo es klare Richtlinien gibt. Und Richtlinien gab früher der Pfarrer auch. Die Theologie war früher vielleicht so etwas wie höhere Mathematik. Es gab eben nur Richtig und Falsch. Das hat sich geändert. Heute ist für mich der Religionsunterricht der Unterricht, in dem die jungen Menschen zum selbstständigen Denken und Glauben gebracht werden sollen. Sie sollen nicht fertige Wahrheiten übernehmen, sondern ihren eigenen Glauben bilden.
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Wollen die Kinder noch den Pfarrer beim Suchen nach dem Weg?
Kautter
Kinder und auch Jugendliche haben immer Fragen nach dem Sinn des Lebens. In manchen Phasen des Aufwachsens sind zwar andere Themen wichtiger, aber die Fragen bleiben! Ich gebe Unterricht in einer zehnten Klasse der Werkrealschule. Da kann man sehr vernünftig reden. Es geht fast immer um Lebenserfahrung und um die zukünftige Gestaltung des Lebens.
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Das klingt sehr optimistisch. Gibt es in Ihnen auch das Gefühl das sagt: „Es wäre besser wenn…“
Kautter
Ich bin realistisch. Jede Zeit hat ihre positiven und negativen Aspekte. Und wir tun das Beste, wenn wir auf die jeweils aktuellen Fragen möglichst sensibel eingehen.
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Wachsen die Fragen an die Kirche? Im Angesicht des Rücktritts des Papstes?
Kautter
Ich bin überrascht über die Medienwirksamkeit des Papstes. In unserer Kirche erreicht ein Landesbischof so ein Echo nicht. In unserer Kirche gab es z.B. Medienwirksamkeit, als eine Vikarin einen Muslim geheiratet hat. Der Papst hat ein riesiges Echo. Und ich finde die Haltung gut zu sagen: Ich habe die Kraft nicht mehr, dieses Amt auszuüben. Andererseits finde ich es gerade für den früheren Kardinal Ratzinger erstaunlich, diesen Schritt zu tun! Denn so kommt auch eine gewisse Menschlichkeit in dieses Amt. Ich würde mir wünschen, dass diese Menschlichkeit von der katholischen Kirche auch in anderen Bereichen ausgeübt wird: die Frage des Zölibats zum Beispiel sollte von jedem selbst entschieden werden.
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Menschlichkeit hat auch beim Papstbesuch in Deutschland gefehlt, in der Begegnung mit Protestanten. Da herrschte eher dogmatische Kälte.
Kautter
Kardinal Ratzinger war nicht umsonst der Chef der Glaubenskongregation und zuständig für Dogmen. Dass er jetzt sich selbst gegenüber diese Menschlichkeit zugelassen hat lässt hoffen.
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Wenn Sie aus dem Fenster sehen: was sind die dringenden Fragen in Hedelfingen?
Kautter
Ich habe verschiedene Wirkungskreise. Es gibt den inneren Kreis der Kirchengemeinde. Dann gibt es die Menschen, die sich von bestimmten Gottesdiensten angezogen fühlen. (z.B. meditative Gottesdienste, Gottesdienste mit Musik usw.) Dann gibt es die Schule und da bin ich im Stadtbezirk engagiert. Hier ist die Schul-Frage gerade aktuell: wie soll diese in der Zukunft für die Kinder aussehen? Ich bin für die Gemeinschaftsschule, in der für Kinder mit verschiedenem kulturellem Hintergrund eine höhere Durchlässigkeit und mehr individuelle Möglichkeiten realisiert werden können. Die Kinder sind nicht mehr schon ab der fünften Klasse festgelegt auf einen Bildungsgang.
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Hört man in der Stadt noch auf den evangelischen Pfarrer?
Kautter
Ich bin eher nicht der Typ, der fertige Antworten geben will. Ich möchte die Leute gerne zum Nachdenken bringen. Jeder von uns ist gehalten, in und mit den verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten unseres Lebens Lösungen zu finden.
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Das ist eine demütige Haltung
Kautter
Vielleicht! Aber es ist auch anspruchsvoll, weil ich jedem die Fähigkeit zu Lösungen zutraue!
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Sind Protestanten eher demütig?
Kautter
Es gibt bei den Protestanten natürlich auch Macht. Oder anders gesagt: Demut kann auch Macht sein. Denn wenn der Eine seine Demut zu sehr betont, kann der Andere kaum noch seine eigene Meinung vertreten.
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In der protestantischen Kirche gibt es viele verschiedene Strömungen…
Kautter

Evangelische Gemeinde Stuttgart Hedelfingen
Auch hier im schönen südlichen Neckar-Vorort gibt es die etwas liberaleren und die etwas pietistischeren Strömungen. In unserer Kirchengemeinde sind wir sehr bestrebt, uns zu achten. Und zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. Das dauert manchmal etwas länger aber Grabenkämpfe sind nicht dem Gemeindeleben förderlich..
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Greift die Beliebigkeit im Glauben um sich?
Kautter
Persönlicher Glaube ist zutiefst protestantisch. Das ist historisch gesehen die Botschaft von Martin Luther. Neu ist, dass man sich heute aus allen Weltreligionen seinen Glauben zusammen mixt. Und wie ich schon gesagt habe: der Mensch muss sich seinen Glauben selbst täglich erarbeiten. Bedenklich ist, wenn man von einem Glaubenssatz zum anderen hüpft und sich selbst keine Beständigkeit mehr gönnt. Religiosität ist ja nicht eine Frage von Angebot und Nachfrage. Hier besteht Gefahr: Religion wird heute zu einem Konsum-Artikel. Religion sollte für das ganze Leben sein – nicht nur für bestimmte Situationen.
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Die Botschaft des Jesus von Nazareth kann ja auch anstrengend sein…
Kautter
Wenn Religion mit der Konsumhaltung zusammen kommt, dann wird es mit der Anstrengung schwierig. Aber die Menschen heute sind nicht schlechter als früher. Unsere Gesellschaft treibt uns ein Stück weit in den Religions-Konsum hinein. Das Neue zu suchen ist heute eher Zeitgeist als eine gewisse Standfestigkeit. Die Frage ist ja: was ist für mich wichtig und darüber hinaus auch für die Welt. Jesus ist nicht umsonst gekreuzigt worden. Er war unbequem.
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Wenn Jesus jetzt uns begegnen würde was würde er uns sagen?
Kautter
Das ist schwer zu sagen. Je nachdem, wo er gerade wäre, hätte er uns Verschiedenes zu sagen. Er wäre vielleicht engagiert in einem Altenheim oder in einem Flüchtlings-Wohnheim.. Aber er war ja auch zu seiner Zeit bei den Zöllnern, den Reichen. Er war auch auf Festen und hat Wasser in Wein gewandelt. Er war kein grimmiger Moralapostel, sondern er wollte, dass alle Menschen das Leben in der Fülle haben. Engagement für die, die nichts oder wenig haben, ist eine wichtige Aufgabe.
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Wird Ihre Kirche in zehn Jahren noch so voll sein wie jetzt?
Kautter(lacht)
Sie ist schon jetzt nicht mehr voll. Der Trend wird wohl noch weitergehen. Ich freue mich, wenn meine Kirche manchmal bei besonderen Gottesdiensten oder Konzerten voll ist. Wir erreichen die Menschen auf vielen Wegen. Aber die Vorstellung, dass jeder jeden Sonntag in die Kirche geht und das in jedem Stadtteil – von der Vorstellung können wir uns verabschieden. Wir müssen sehen, wo wir die Menschen erreichen können.
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Aber die Aufgaben der Kirche wachsen eher….
Kautter
…sie werden zumindest nicht kleiner. Und auch deshalb müssen wir lernen, uns selbst realistisch einzuschätzen. Was können wir leisten? Denn wenn wir meinen, wir müssten für Alles und Jeden da sein, wären wir überfordert. Aber in unserer Gemeinschaft, wo jeder andere Gaben und Grenzen hat, können wir sehr viel erreichen.
mindfitnet
Herzlichen Dank!